Bei den übermotivierten Saubermännern

25. April 2008 HW

Die Bundesrepublik ist das Land der übermotivierten Saubermänner, die unbedingt Spitze sein wollen - sogar auf dem Gebiet des Klimaschutzes. Findet jedenfalls der gehobene Stammtisch. Wenn die wüßten!

Letztens bei meinem Arzt: “So so, Sie schreiben also über erneuerbare Energien. Können Sie mir sagen, warum nun gerade Deutschland so viel Geld in sauberen Strom steckt?” Und mein Bäcker wunderte sich, warum Ländern wie Indien, China und den USA der Klimaschutz “schnuppe” sei, während Deutschland den “grünen Musterknaben” spiele.

Die Bundesrepublik also ein Land der übermotivierten Saubermänner, die endlich mal wieder Spitze sein wollen - wenigstens auf dem Gebiet des Umweltschutzes? Offensichtlich produzieren die auf immer mehr Dächern spiegelnden Solaranlagen und Windräder, die in einigen Gegenden schon zum prägenden Landschaftsbild geworden sind, nicht nur sauberen Strom sondern auch ein grünes Image. Und nicht Wenigen geht dies schon wieder zu weit: “Müssen wir denn so viel Geld in die Erneuerbaren stecken?” fragen sie kritisch.

Dass die deutsche Energiepolitik jedoch nicht nur aus Sonne und Wind besteht, zeigt ein Blick hinter die Kulissen: Angela Merkel setzt sich für den Bau eines klimaschädlichen Kohlekraftwerks in ihrem Wahlkreis Lubmin ein und auch Sigmar Gabriel hat vor kurzem seine Genossen in Krefeld überzeugt, für den Bau eines Kohlekraftwerks zu stimmen. Kein anderes Land in Europa plant und baut so viele Kohlekraftwerke wie Deutschland: 24 dieser CO2-Schleudern sollen entstehen.

Und wie sieht es bei der deutschen Industrie aus? Der Energieversorger RWE leugnet gegenüber Greenpeace den Klimawandel und behauptet: “Ob es Klimaveränderungen geben wird, ist wissenschaftlich nicht bewiesen.” Vattenfall-Chef Lars Göran Josefsson, einer von Merkels persönlichen Klimaberatern, nutzt seinen guten Draht zur Kanzlerin, um den Bau von Kohlekraftwerken durchzuboxen.

Passend dazu auch die aktuellen Zahlen des Bundesverbandes Braunkohle: danach waren Braun- und Steinkohle 2007 die beiden wichtigsten Energieträger für die Stromerzeugung in Deutschland. Sie kamen auf einen Anteil von über 47 Prozent und Übernahmen damit erstmals seit 1991 wieder die Führungsrolle in der deutschen Stromversorgung. Dagegen konnten die erneuerbaren Energien ihren Anteil nur um rund zwei Punkte auf jetzt 14,1 Prozent steigern.

Gibt es Länder, in denen dies anders aussieht? Ja, paradoxerweise sind es die vermeintlichen Schmutzfinken, die uns langsam aber sicher den Rang ablaufen. So das Fazit einer Studie des Netzwerkes Ren21. Diese Gruppe von Interessenvertretern hat sich im Anschluss an die Konferenz Renewables 2004 in Bonn gegründet. Jährlich legt sie einen Statusbericht vor mit den neuesten Zahlen auf dem Markt der Erneuerbaren. Deutschland ließ sich in der Vergangenheit meistens irgendwo unter den ersten Fünf finden. “Das ist noch immer so, aber das Bild hat sich etwas gewandelt”, sagt Paul Suding, Leiter des Sekretariats von REN21: “Es gibt einige Länder, die dazu kommen”. Das ist eigentlich das, was uns am meisten interessiert. Jetzt sind ganz plötzlich bei der Windenergie neben den USA auch China ganz weit vorne und überholen Deutschland bei den Zuwächsen. Wir bekommen da eine wirklich substanzielle Basis von Wachstum in einigen Ländern.

Wenn sich der bisherige Trend so fortsetzt, so Suding, dann könnte China innerhalb von drei Jahren sogar zum Weltmarktführer auf dem Gebiet der erneuerbaren Energien werden.

Muss ich bei meinem nächsten Arztbesuch und Brötchenkauf unbedingt weitersagen. Fotos: Paul Langrock, Pixelio