Schummelei beim Ökostrom?
11. Juni 2008 HW

“Schummelei beim Ökostrom” titelte die Finacial Times Deutschland gestern und es dauerte nicht lange, bis Redaktionen von Flensburg bis Konstanz diese Meldung abdruckten. Bei den Börsennachrichten des Inforadio war die Story sofort auf Platz eins - doch auch hier blieben einige wichtige Details ungenannt.
Was war geschehen? Lichtblick musste an der Leipziger Strombörse Strom dazu kaufen - zwar nur in sehr geringen Prozentzahlen, aber der Strombedarf überstieg in einigen wenigen Spitzenlastzeiten die zur Verfügung stehende Ökostrom-Menge. Da Lichtblick in Zeiten mit geringer Stromnachfrage mehr Ökostrom ins Netz einspeist, als von den Kunden verbraucht wird, gleicht sich dies fast wieder aus. Aber das ist den Kollegen von der Financial Times Deutschland natürlich schon wieder zu kompliziert und verdirbt die knackige Schlagzeile “Schummelei beim Ökostrom”.
Da beim Strom nur das Netz als riesengroßer Speicher fungiert, kann es zu Zeiten hoher Stromverbräuche passieren, dass ein relativer kleiner Anbieter wie Lichtblick nicht die Menge im Portfolio hat, die seine Kunden abrufen. Die Folge: es gibt Abweichungen zwischen dem prognostizierten und dem tatsächlichen Ist-Verbrauch der Kunden. Diese Differenzen laufen entweder in den Regel- und Ausgleichsenergiemarkt oder können im Spotmarkt, beispielsweise an der Leipziger Strombörse EEX, gehandelt werden. “Während der Ausgleichs- und Regelenergiemarkt mit hohen finanziellen Risiken verbunden ist, weil Preise erst im nachhinein bekannt sind, kann mit einem Zu- und Verkauf am Spotmarkt das finanzielle Risiko dieser Fehl- und Überschussmengen reduziert werden”, erkärt Lichtblick-Sprecher Gero Lücking. Genau diesen Einkauf führt LichtBlick durch - nach bislang vorliegenden Informationen erstmalig im Dezember 2006 und ab Oktober 2007. Ein Blick auf die Strommengen, um die es geht, könnte zur Versachlichung der Diskussion führen: 1,53 Prozent seines “Ökostroms” soll Lichtblick 2007 an der EEX eingekauft haben - und sich damit dreckigen Kohle- oder Atomstrom eingehandelt haben. Dass die Ökostromer im Gegenzug auch überschüssige saubere Energie in Zeiten geringer Nachfrage ins Netz einspeisten, verschwiegen die Kollegen von der FTD einfach. Stellt man Einkauf und Verkauf gegenüber, so bleibt eine Deckungslücke von 0,6 Prozent, die Lichtblick im letzten Jahr zusätzlich einkaufen musste. Dass “Schummelei beim Ökostrom” auch in anderen Größenordnungen ablaufen kann, beweist der Energieriese Vattenfall. Dort verlangt man für 100 Prozent des angebotenen Stroms aus abgeschriebenen Wasserkraftwerken den vollen Öko-Zuschlag. Und ein Zubau neuer regenerativer Kraftwerke wie bei Lichtblick findet nicht statt.
Die Einkäufe von Lichtblick haben inzwischen einen Rechtsstreit mit der EEX ausgelöst. Die Börse fürchtet um ihr Image und forderte Lichtblick auf, die Hintergründe der Geschäfte offenzulegen. Dagegen legte der Versorger Widerspruch ein. Lichtblick hat deswegen Klage am Verwaltungsgericht Leipzig eingereicht (Az.: 5K 414/08). Die EEX wollte nicht Stellung nehmen. Fotos: Paul Langrock, Enercon
