Solarstrom am laufenden Band

10. Juni 2008 HW

Flexible Solarzellen könnten der gebäudeintegrierten Photovoltaik zum Durchbruch verhelfen. Die Odersun AG hat ein Verfahren entwickelt, mit dem sich Zellen und Module in jeder Form und Größe herstellen lassen. Der Clou: die Elemente sollen nicht mehr kosten als herkömmliche Baustoffe.
Solare Dächer und Fassaden eignen sich ideal zur Umwandlung von Sonnenenergie in Strom. Trotzdem ist der Anteil der gebäudeintegrierten Photovoltaik in den letzten Jahren gesunken: Waren 1999 noch 2,3 Prozent der im 100.000-Dächer-Programm geförderten PV-Generatoren Fassadenanlagen, lag ihr Anteil 2007 im Gesamtmarkt nur noch bei knapp einem Prozent. Der Grund: Gängige Module mit ihren Standardmaßen eignen sich für Freiflächenanlagen genauso gut wie für das Einfamilienhaus, für die meisten Architekten und Bauherren zwischen Flensburg und Garmisch sind sie jedoch immer noch ein eher störendes Bauelement. Zudem sind die Panele teurer als eine herkömmliche Fassadenverkleidung. „Fassadenintegrierte Photovoltaik kann pro Quadratmeter Mehrkosten von bis zu 600 Euro verursachen“, rechnet Manfred Fisch vom Braunschweiger Institut für Gebäude- und Solartechnik vor. „Viele Bauherren sind nicht bereit, diese Kosten zu tragen.“ Die Architekten bemängeln zudem die eingeschränkten gestalterischen Möglichkeiten: „Für viele sind die standardisierten Siliziummodule ein rotes Tuch“, warnt der Solarexperte.

Flexibel und billig
In genau diese Marktlücke will die Odersun AG mit ihren flexiblen Zellen und Modulen stoßen. „Die Größe der Module wird im Moment nur von der Größe unseres Laminators beschränkt. Prinzipiell sind alle Formate und Größen denkbar“, erklärt Ramin Lavae Mokhtari, kaufmännischer Vorstand der Odersun AG. Seine Firma produziert weltweit erstmals Solarzellen von einer Kupferrolle. Das Band wird zu einer Reaktion mit Indium und Schwefel angeregt. Das Ergebnis ist ein Halbleiter am laufenden Band, der sich zu beliebigen Modul-Formaten zuschneiden lässt. Eine alte Idee Frankfurter Ingenieure, von der viele Jahre lang niemand etwas wissen wollte. Nun soll sie als Alternative zum teuren Silizium, aber auch zu den starren Dünnschicht-Glasmodulen, den Markt erobern. Geht es nach den Wünschen der Odersun-Macher sollen die Module mit ihren flexiblen Formen, Farben und Trägermaterialien als normaler Baustoff Einzug in die Architektur halten. „Wir sind im Gespräch mit vielen Planern, Architekten und Bauherren. Im Herbst dieses Jahres werden wir das erste Gebäude mit einer Odersun-Solarfassade präsentieren können“, kündigt Mokhtari an. Noch will er nicht verraten, um welches Objekt es sich handelt. „Unsere Module sind schon installiert, aber die offizielle Einweihung ist erst in einigen Monaten. So lange müssen wir um Geduld bitten.“ Dabei betont Mokhtari, dass die Solarfassade nicht teurer werden soll als eine herkömmliche Glas- oder Steinfassade. „Unser Ziel ist es, eine echte Alternative zu klassischen Baukomponenten anzubieten. Deshalb streben wir Preise zwischen 250 und 299 Euro pro Quadratmeter an, wobei der Preis für alle möglichen Größen gelten soll.“ Die weltweit steigenden Kupferpreise können den Spezialisten von der Oder angeblich nicht gefährlich werden. Der Anteil des Metalls and den Produktionskosten liege unter zehn Prozent, sagt Mokhtari.

Erfolg mit Verspätung
Viel Geduld brauchten bereits die Erfinder der neuartigen Dünnschichttechnik. „Das Geld war immer knapp“, erinnert sich Jürgen Penndorf. Er hatte beim Institut für Solartechnologie als erster die Idee, kupferbandbasierte Dünnschichtzellen zu produzieren. Später folgten weitere Wissenschaftler, unter ihnen Olav Tober, der nun als technischer Vorstand zusammen mit Mokhtari die Geschicke der Firma leitet. Penndorf und seine Kollegen schrieben Bettelbriefe an mögliche Investoren. Doch niemand glaubte so richtig an die Idee, die sich Penndorf längst hatte patentieren lassen. „Es war niederschmetternd“, sagt er. Ein Brief landete schließlich auf dem Schreibtisch von Ramin Lavae Mokhtari, der damals als Manager des Energieriesen Eon den Markt nach Zukunftstechnologien absuchte. Der gebürtige Iraner, seit 1979 in Deutschland lebend, war begeistert. Doch seinen Konzern konnte er nicht überzeugen von Penndorfs Produkt. Das gehöre nicht zum Kerngeschäft, wurde ihm gesagt. Da verließ Mokhtari den Energieriesen, zog von Düsseldorf nach Berlin und gründete 2002 zusammen mit Penndorf und den anderen Wissenschaftlern das Unternehmen Odersun. Noch zu Institutszeiten hatten die Ingenieure um Penndorf den schnellen, in drei Hauptschritten ablaufenden Rolle-zu-Rolle Produktionsprozess entwickelt, bei dem im Gegensatz zu anderen Dünnschichttechniken nur an einer einzigen Stelle Vakuumbedingungen existieren müssen. „Auch dies macht unser Produkt deutlich billiger als herkömmliche Dünnschichtmodule“, erläutert Tober. Als „Versteck“ für die Solarzellen könnten auch Jalousien, Baustoffe und Fassaden dienen. „Wir verbinden Design mit Solar und bieten dafür interessierten Partnern Kooperationen an“, so der Technik-Vorstand. Inzwischen interessiert sich längst die Konkurrenz für die Rechte und Patente an der Entwicklung. „Wir haben aber nicht vor, darauf einzugehen“, sagt Mokhtari. Zwar habe es bereits Übernahmeangebote aus der Photovoltaik-Branche gegeben, aber die habe man bislang dankend abgelehnt. „Die Technik ist unser Kapital. Warum sollten wir verkaufen?“

Wachstum mit 61 Millionen Euro
Nachdem Odersun im April 2007 in Frankfurt Oder mit „Sun One“ die kommerzielle Fertigung von Zellen und Modulen in einer Fünf-Megawatt-Linie startete, begann man in Fürstenwalde vor den Toren Berlins im März dieses Jahres mit dem Bau einer zweiten Solarfabrik: Sun Two. Die Produktionskapazität wird mit 30 Megawatt (MW) sechs Mal so groß sein wie bei Sun One. Im Herbst 2008 soll der Startschuss für die Produktion fallen. Die Zahl der Mitarbeiter soll bis Ende 2009 von jetzt 90 auf 150 steigen. „Wir setzen unsere Wachstumsstrategie fort, in dem wir schrittweise die Produktion erweitern“, zeigt Mokhtari die weitere Strategie auf. Für diesen Ausbau benötigt man neben der Technologie vor allem eins: Kapital. Hauptinvestor bei Odersun ist Doughty Hanson Technology Ventures aus London, eine der größten unabhängigen privaten Beteiligungsgesellschaften in Europa. Strategischer Partner ist der chinesische Technologiekonzern Advanced Technology & Materials (AT&M), mit dessen Unterstützung soll auch das Reich der Mitte erobert werden. Das ist, angesichts fehlender Einspeisevergütungen in dem Milliardenreich, allerdings Zukunftsmusik. Zurzeit wird ausschließlich für den deutschen und europäischen Markt produziert. „Prinzipiell schauen wir auf alle Märkte mit einer Einspeisevergütung für Solarstrom, da diese der wichtigste Türöffner für den Erfolg der Photovoltaik weltweit ist“, schränkt Mokhtari ein. Wie viel Megawatt derzeit die Werkshallen an der Oder tatsächlich verlassen, könne man noch nicht sagen, da die SunOne Fabrik vor allem dazu diene, Kinderkrankheiten der Maschinen und Anlagen zu beheben. „Neben der Produktion von Prototypen und den ersten Design-Fassaden nutzen wir SunOne zum Testen, bevor wir mit SunTwo größere Kapazitäten in Betrieb nehmen“, so Mokhtari. Die jetzige Einheit von Zell- und Modulproduktion, wie sie bei Sun One unter einem Dach praktiziert wird, will man in Zukunft aufgeben. „Schon in unserem neuen Werk Sun Two arbeiten wir in zwei getrennten Hallen. In Zukunft wird die Modulproduktion dort aufgebaut werden, wo die Absatzmärkte sind. Unsere Zellproduktion ist hingegen völlig standortunabhängig und funktioniert weltweit“, so Mokhtari. Wann und wo die nächsten Fabriken errichtet werden, will er einmal mehr nicht verraten. Doch ein Sun Three oder Four in Fernost scheint nur eine Frage der Zeit. Die aktuellen Wachstumsschritte werden durch externe Mittel in Höhe von 61 Millionen Euro ermöglicht. Darin enthalten sind 40 Millionen Euro aus einer zweiten Finanzierungsrunde mit internationalen Investoren sowie weitere 21 Millionen Euro Fördermittel des Landes Brandenburg. Die Eigenkapitalgeber führt der Virgin Green Fund an, ein Investmentfonds des Milliardärs Richard Branson. Der umtriebige Unternehmer hat bereits in mehrere Regenerativbereiche Kapital gesteckt. Weitere Mittel kamen von der US-amerikanischen PCG Clean Energy & Technology Fund, der zum Allianz-Konzern gehörenden französischen AGF Private Equity und den bereits bestehenden Investoren Doughty Hanson Technology Ventures sowie AT&M. Ab wann Odersun-Aktien im Freihandel an der Frankfurter Börse erhältlich sein werden, dazu hüllt man sich noch in Schweigen: „Der Abschluss der jetzigen Finanzierungsrunde bedeutet immer auch den Start einer neuen Finanzierungsrunde“, lautet Mokhtaris vielsagender Kommentar.

Deutsches Know-how und iranisches Talent
Damit die einzigartige Dünnschicht-Technologie überhaupt das Vertrauen der Investoren gewinnen konnte, bedurfte es jedoch nicht nur ausgefeilter Ingenieurskunst sondern auch iranischen Verkaufstalents. Mokhtari, immer elegant gekleidet und mit unbändigem Redefluss, kam nach dem Sturz des iranischen Schah-Regimes zum Elektrotechnik-Studium ins rheinische Aachen. “Nur mit einem Koffer.” Nach dem Hochschulabschluss arbeitete er bei High-tech-Firmen in Kalifornien, der Telekom in Bonn und zuletzt bei Eon in Düsseldorf. Jetzt läuft er durch die funktionale Leichtbauhalle von Odersun und erklärt die Vorzüge der flexiblen Solarmodule auf Kupferbasis. Er präsentiert Taschen, deren integrierte Solarzellen MP3-Player, Handys und PDAs mit Strom versorgen oder mit denen Fotografen auch fernab von einer Steckdose die Akkus ihrer Kamera solar aufladen können. Allerdings werden die kleinen tragbaren Kraftwerke derzeit nur als Werbeartikel eingesetzt, eine Serienproduktion gibt es noch nicht. „Dafür sind wir noch auf der Suche nach interessierten Taschen-Herstellern, die wir dann mit den flexiblen Modulen beliefern würden“, sagt Mokhtari. Inzwischen interessieren sich auch die Militärs aus den USA für die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten, aber Mokhtari winkt ab: „Eine zivile Nutzung ist uns lieber.“ Für Mokhtari ist es kein Zufall, dass er keine Investoren in Deutschland gefunden hat, sehr wohl aber in London, San Francisco und Peking. „Verglichen etwa mit den USA bewerten deutsche Investoren Firmen viel vorsichtiger, oft auch niedriger“, sagt Mokhtari. Er vermisst hierzulande den Wagemut. In Amerika investiere man in zwanzig Firmen und denke sich, wenigstens eine werde sich schon so gut entwickeln, dass dieses Unternehmen die Kosten für die anderen Firmen locker wieder einspielt. Kritiker könnten einwenden, genau das sei das Problem: US-Fonds haben so viel Risikokapital in aufstrebende Solarfirmen gepumpt, dass manche Finanzexperten bereits von einer Blase sprechen. Optimist Mokhtari treiben solche Gedanken nicht um. Wenn er und Penndorf zusammen eine Pressekonferenz geben, treffen zwei Welten aufeinander: Penndorf referiert im sächsischen Dialekt über technologische Details, spricht auch mal von Problemen. Mokhtari ermahnt ihn dann, über Produktionskosten gegenüber Dritten zu schweigen und spricht von neuen Fabriken. Es wird klar, warum die Tüftler von der Oder dringend einen eloquenten Geschäftsmann wie Mokhtari brauchten. Aber auch Penndorf ist gefordert: Von 1.000 Watt Sonneneinstrahlung setzt sein Modul bisher etwa achtzig Watt in Solarstrom um. Eine Ausbeute von acht Prozent. Das mittelfristige Ziel der Zelleffizienz für die Serienproduktion liegt laut Penndorf bei über 12 Prozent. Vielleicht kann ihm auch dabei der Mann, der aus der südiranischen Stadt Schiraz stammt und längst Deutscher ist, helfen: im Persischen bedeutet Mokhtari „der Weise“. Fotos: Odersun