Architektur fit für den Klimaschutz?

16. November 2009 HW

Der in Weimar und Dessau entwickelte Bauhaus-Stil ist international bekannt und berühmt. Nun wollen die Erben von Walter Gropius und Mies van der Rohe ihre Architektur auch fit machen für den Klimaschutz. Auf einem zweitägigen Kongress in Erfurt wurde genau darum gestritten.

Noch werden Solarmodule weltweit entweder einfach auf das Dach geschraubt oder landen gleich auf der grünen Wiese als so genannte “Freiflächenanlage”. Schön ist das nicht und mit Architektur hat das schon gar nichts zu tun. Dass es so nicht weitergehen soll, in diesem Punkt waren sich Solarunternehmen und Bauhaus-Vertreter in Erfurt einig. “Die Integration der Solarmodule in die Fassade des Gebäudes ist eine der wichtigsten Aufgaben und eine designerische Herausforderung für die gesamte Solarbranche”, betonte Hubert Aulich, Chef der Erfurter PV Crystalox Solar und Vorsitzender des Vereins Solarinput, der den Kongress im letzten Jahr ins Leben rief. “Wir brauchen Innovationen, welche die neuen, ressourcenschonenden Technologien mit modernem Design verbinden.”

Wie das genau geschehen soll, darüber gab es im Erfurter Messezentrum immer noch sehr unterschiedliche Meinungen. Niedrigenergiehaus, Passivhaus, Plus-Energie-Haus? Für die Architekten sind dies nicht nur seltsam klingende Fremdwörter, viele von ihnen weigern sich sogar beharrlich, energieeffizient zu bauen und sprechen ihrerseits von neuen “Öko-Doktrin”. “Für die Architektur muss weiterhin der gestalterische Entwurf und das Design im Vordergrund stehen. Wir bauen nicht nach Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr”, sagte zum Beispiel die Londoner Architektin Annelie Kvick-Thompson und traf damit die Stimmung im Publikum.

Auch der irische Star-Architekt Brian Cody kritisiert die seiner Meinung nach übertriebenen gesetzlichen Vorgaben zur Dämmung von Gebäuden. “Bei der Dämmung werden überwiegend Kunststoffe eingesetzt. Damit bekommt man nicht nur ein Lüftungsproblem sondern hat irgendwann auch einen Haufen Sondermüll”, so seine Kritik. Der an der TU Graz lehrende Architekt plädiert für einen ganzheitlichen Ansatz, bei dem der gesamte Lebenszyklus eines Gebäudes betrachtet werden müsse. Seit letztem Jahr gibt es mit dem von der Deutschen Gesellschaft für nachhaltiges Bauen (DGNB) entwickelten Gütesiegel sogar schon ein Label, das für Bauherren und Architekten Kriterien entwickelt hat, die genau diese Ganzheitlichkeit gewährleisten sollen. “Wir fragen auch danach, was mit den Baumaterialien passiert, wenn es das Gebäude irgendwann nicht mehr gibt”, erklärte Heide Schuster vom Architekturbüro Werner Sobek, einem der Initiatoren der DGNB. “Das schließt Fragen des Recycling natürlich ein - damit nicht nochmal so etwas wie Asbest verbaut werden darf.”

Auf Seiten der Bauhaus-Universität will man ganz in der Tradition ihrer Gründer den Brückenschlag zwischen neuen Technologien und der Architektur wagen. Ganz aktuell sind dafür zwei neue Junior-Professuren geplant, bei denen Fragen der Integration grüner Technologien in das Bauingenieurwesen und in die Architektur im Mittelpunkt stehen sollen. “Architekten und Designer müssen die Nachhaltigkeit ihrer Produkte von der Planung, über die Konstruktion bis hin zum fertigen Gebäude von Anfang an mitdenken”, erklärte der Rektor der Bauhaus-Universität Weimar, Professor Gerd Zimmermann. Und selbst der erst vor wenigen Tagen neu berufene thüringische Bauminister Christian Carius (CDU) wies in seinem Grußwort darauf hin, dass auch die neue Landesregierung den Solarstandort Thüringen stärken und ausbauen will. “Thüringen hat hier die einmalige Chance, zum Vorreiter für die Integration moderner Solartechnologien in die Architektur zu werden”, betonte der Minister. Ein Bekenntnis, dass die etwa 300 Konferenzteilnehmer aufhorchen ließ. “Vielleicht sollte er dieses Grußwort gleich direkt an seinen CSU-Kollegen im Bund, Bauminister Peter Ramsauer, senden”, witzelte man daraufhin in der Erfurter Messe.

In der Immobilienwirtschaft scheint man bereits davon überzeugt zu sein, dass sich auch der “grüne Wert” von Immobilien verstärkt als Maßstab etablieren wird, denn Investitionen in die Effizienz von Gebäuden amortisieren sich bei steigenden Energiepreisen immer schneller. “Gebäude sind deshalb auch aus Renditeaspekten umso attraktiver, je nachhaltiger sie sind”, meinte Dieter Schempp, der bereits in den 70er Jahren die “grüne Architektur” propagierte und mit seinen zahlreichen Preisen und Büchern zu den Pionieren der Branche zählt. Dass dabei in Zeiten der Wirtschaftskrise die Bereitschaft von Investoren nachlässt, auch Bürogebäude mit Solartechnik auszustatten, musste aber auch er eingestehen.

Ebenso wurde in Erfurt diskutiert, wie sich Bestandsgebäude energetisch hochwertig sanieren lassen. Schließlich verbrauchen fast 15 Millionen Altbauten in Deutschland über 90 Prozent der Energie im Wohnungssektor. Doch auch hier gab es ausser einigen wenigen Vorzeige-Projekten nichts Neues. Nur einer der Gründe, warum man sich auch im nächsten Jahr wieder treffen will. Bei einem Vortrag fühlte man sich sogar an die schleppenden Klimaschutz-Verhandlungen erinnert: “Das Thema ist einfach zu ernst, als dass wir es uns leisten könnten, nichts zu tun”, hieß es da. Und: “Uns läuft die Zeit davon.”

Weitere Infos im Internet unter www.bauhaus-solar.de
Fotos: Bauhaus-Universität Weimar / Messe Erfurt