Röttgens Rotstift: schön für Fernost, schlecht für Deutschland

2. Februar 2010 HW

Mit seinen Kürzungsplänen für Solarstrom wird Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) die weiter steigende Nachfrage nach Modulen nicht bremsen. Profitieren werden aber in Zukunft noch stärker China und andere asiatische Billiganbieter. Für manche deutsche Solarunternehmen wird Röttgens Rotstift das Aus bedeuten.

„Es könnte alles sogar noch viel schlimmer kommen”, war einer der Sätze, die man in der letzten Woche am Rande des Branchentreffens der Erneuerbaren am häufigsten hörte. Fast hatte man den Eindruck, die Solarunternehmen wären - vorausgesetzt es bleibt bei den jetzigen Plänen - noch einmal mit einem blauen Auge davon gekommen. Schließlich hatte man in Berlin in den letzten Monaten über einer Absenkung der Einspeisevergütung für Solarstrom von bis zu 30 Prozent laut nachgedacht. Dabei sorgte die im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) festgelegte Degression dafür, dass bereits zum Beginn dieses Jahres neun Prozent weniger für Sonnenstrom gezahlt wird. Aus den 30 Prozent sind nun in Röttgens Papier vergleichsweise moderate 15 Prozentpunkte geworden. Zusammen mit der bereits vollzogenen 9-Prozent-Degression ergeben sich allerdings insgesamt auch sportliche 24 Prozent weniger im sonnigen Geldbeutel.

Den Häuslebesitzer, der auf seinem Dach die Sonnenenergie in Strom und damit in bares Geld umwandeln will, treibt Röttgens Rotstift nun noch mehr in die Arme von ausländischen Billigprodu- zenten. Denn die neuen Fördersätze machen Solaranlagen nicht unwirtschaftlich - vorausgesetzt, man muss nur noch etwa 2.500 Euro pro Kilowatt Spitzenleistung auf den Tisch legen. Zum Vergleich: Im zweiten Quartal 2009 waren es laut Verbraucherzentrale Bundesverband noch 3.620 Euro.

Solaren Schwergewichten wie Solarworld wird dieser Preisdruck erwartungsgemäß weniger weh tun als den vielen mittelständischen Unternehmen, schließlich lässt die Bonner Solarworld einen Teil ihrer Module inzwischen selbst im Reich der Mitte fertigen. Viele der kleineren Solarfirmen haben jedoch nicht nur ihren Firmensitz in Deutschland, sie produzieren auch hier. Darunter die meisten in Ostdeutschland: etwa 75 Prozent der Solarmodule kommen aus den neuen Ländern. Da sie beim Preiskampf nicht mitmachen können, wären viele ostdeutsche Unternehmen von den Kürzungen besonders betroffen.

In Berlin hatten sich deshalb in der letzten Woche sogar ostdeutsche Bundes- und Landespolitiker von Union und SPD zu einem „Solargipfel Ost” getroffen, um gegen den Plan des Umweltministers mobil zu machen. Der thüringische Wirtschaftsminister Matthias Machnig (SPD) verwies auf eine Umfrage des Bundesverbands der Solarwirtschaft, wonach 70 Prozent von 800 befragten Unternehmen der Branche die Kürzungspläne als existenzgefährdend ansehen.

Und auch an der Aktienbörse zeigte Röttgens Rotstift bereits Wirkung: Beim Marktführer für solare Wechselrichter zuckten die Anleger bereits, nur weil Konzernchef Günter Cramer angesichts der drohenden PV-Absenkungen mit einem etwas geringeren Wachstum rechnet: die Ebit-Marge von mehr als 20 Prozent sei nicht mehr zu halten. Er geht jedoch davon aus, die 1-Milliarde-Euro-Marke beim Umsatz knacken zu können. Trotzdem verlor SMA Solar in den letzten Tagen runde sieben Prozent.

Für die Solarunternehmen, die bereits jetzt unter dem Druck aus Fernost leiden, werden noch schwerere Zeiten anbrechen: Die Aktie von Q-Cells kostete vor gut zwei Jahren noch fast 100 Euro, heute gibt es die Papiere für rund zehn Euro das Stück. Noch miserabler sieht es bei Conergy aus: 20 Euro mussten Anleger einst für die Aktie bezahlen, heute bekommt man sie für weniger als einen Euro nachgeschmissen. Die Preise fallen und die Billigkonkurrenz aus China nimmt gnadenlos Marktanteile ab.

Im Februar will das Bundeskabinett voraussichtlich eine Entscheidung treffen. Nun wird in der Union überlegt, längere Übergangsfristen bis zum vollen Inkrafttreten der Kürzungen zu vereinbaren. Aber das ist noch völlig offen. Der Streit dürfte also weitergehen - viele kleine Solarfirmen werden allerdings den Ausgang dieses Streits nicht mehr erleben.

Fotos: BEE / REjournal